R8 TDI – Sargnageln mit Audi

R8 TDI Ich bin müde, sehr müde. Je komplexer die Welt um uns herum wird, desto mehr werden subtil vielschichtige Dinge auf das augenscheinlichste Merkmal reduziert – im Gegenzug bekommen einfache Dinge Feature-Elephantitis. Die Tomate ist rot – fertig. Das Betriebssystem hingegen ist jetzt eine Multimedia-Zentrale. Der Kaffee kommt aus dem Pad – fertig. Das Handy hingegen ist ein kleiner Computer, mit Organizer, Spielen, Bluetooth. Im Falle „Sportwagen“ ist es eben die Leistung, fertig. Das Drumherum, das eigentlich gerade hier in den Hintergrund treten sollte, nimmt inflationäre Züge an: 27 Airbags, Head-Up-Display, Klima, adaptives Fahrwerk und Getriebe, elektrische Sitze, Soundsystem, Navi, ESP und ABS, Bremsassistent usw…

Und die grandiosen Vordenker der neuen automobilen Klasse schaffen es trotz Reduktion, in die einzig verbliebene Blamage zu rauschen: auf 1000 NM begrenztes Drehmoment. Aussage sinngemäß: wir forschen noch. Unsere neue Milch ist spezifisch aber so schwer, dass wir das Tetra-Pack nur 3/4 füllen können, weil es sonst zerbirst. Nun ja. Gewisse Standards haben sich sicherlich durch Gewohnheit gefestigt – und Vordenker stehen oft vor dem Problem, diese Gewohnheiten mühsam zu brechen.

Ein röhrender Peterbilt-DuellDiesel gehört in diesem Kontext zu einem Haubenlaster mit min. 1,6m Kühlerhöhe, Sidepipes, hinterer Doppelachse mit Tiefstbettfelgen und ordentlich Patina, das hat uns spätestens Spielberg eingebleut. Nun sitzen bei Audi aber zu wenige Vordenker, dafür umso mehr Partyhengste mit maximaler Gewinnorientierung. Sie überlesen alles, was nicht mit Börse oder Society zu tun hat. Sonst wäre ihnen klar, dass der Diesel keinen Hauch länger leben wird, als der Benziner – und sich dazu noch in diesem Anwendungsszenario selbst ad absurdum führt. Und da möge jetzt keiner kommen und behaupten, dass der R8 TDI ja viel weniger verbraucht, als vergleichbare Benziner – beim zu erwartenden Verbreitungsgrad dieses multisinnlich motorisierten Faustkeils ist die klimarelevante Ersparnis gleich null. Und derjenige, der „Kleinvieh macht auch Mist“ einwirft, geht morgen bitte in den Baumarkt, um einen eigenen Besen zu erwerben.

Was bleibt, ist eine „Technologie-Demo“ im Beta-Stadium. ‚Das wird mal ein ganz grosser‘ freut sich Audi, im Moment drückt das Kind aber mit zentimeterdicken Brillengläsern und Klumpfuss-Schuh die Schulbank – zusammen mit diversen Sonderschülern von Brabus und AMG. Wie man die Schule erfolgreich absolviert, zeigt der M5.

Reduzieren wir also weiter – was bleibt? Markenideologie. Der TDI ist unser Aushängeschild, geheiligt werde der TDI.
Gut, ist ja nur ein Motor, rein damit in alle Baureihen!
A2 – Früh gestorben, leicht hässlich, aber der sinnvollste Einsatzort.
A3 – Golf-Ableger, Massenauto mit Outlet-Charme, gute Symbiose. Das Gros der Käufer dürfte ausser auf den Audi-Status und die Softlack-Oberflächen kaum Augenmerk auf technische Finessen oder gar echte Emotionen legen. Ein typisches Gerbrauchsauto.
A4 – Klientel: konservative Familienväter und Firmen. Ja, auch hier ein OK, selbst als Diesel-Feind.
A6 – Prima! Vertreter dieser Klasse reissen Unmengen Kilometer runter, jeder gesparte Liter Rohöl kann von einem Liebhaber irgendwo auf dieser Welt stattdessen in das Befeuern eines grollenden Muscle-Cars investiert werden.
A8 – Nun ja, man hat sich dran gewöhnt. Und eigentlich passt es ganz gut, die Dinger stehen ja oft genug stundenlang mit laufendem Motor rum und warten…
R8 – Es musste kommen, als sie tatsächlich so etwas wie einen Sportwagen fertig hatten, bekamen sie Angst vor der eigenen Courage. Also Todesstoss per TDI.

Definition Sportwagen: Leistung, Geräuschkulisse, Rückmeldung, Handling verschmelzen zu einem erweiterten Nervensystem. Konstruiert, um adaptiert zu werden, nicht elektronisiert, um zu täuschen und heimlich zu bestimmen.
Definition Diesel (TDI): durch schmales Drehzahlband als Stationärmotor für z.B. Wasserpumpen prädestiniert, Geräuschkulisse einer laufenden Bohrmaschine in einem Blecheimer voller Metallschrott, als Turbo digitale Dosierbarkeit.

Wie konnte die Automobilindustrie diese Liebesheirat nur so lange unterbinden?

Was bleibt, ist also ein Audi. Und Audi ist innovativ, denn sie haben als erste das revolutionäre Konzept der ferngesteuerten Modellautos aufgegriffen: Eine Plattform, die mit beliebigen Karrossen bestückt werden kann (nur anmalen muss man einen Audi nicht mehr)…

Ich will auch nicht hören, dass ich ja dieses innovative Zuckerl noch nicht erfahren habe – jeder Günther, der sich im realen Leben maximal einen neuen Tata leisten kann, würde nach einer Probefahrt mit Maulsperre aussteigen. Sportwagen werden aber nicht für diese Klientel gebaut. Bis jetzt. Denn einige haben es auch ohne stilistische Weiterentwicklung zu Geld gebracht – und diese Günthers gilt es nun anzuzapfen. Die Uniformität der Modellpalette findet ihre Entsprechung im Musterkäufer G.. Der kleine Angestellte G. bekommt den A3 zu günstigen Leasingkonditionen, der Manager G. soll sich den R8 TDI leisten. Nachdem sein Schweiss im Kampf gegen ein digitales Fettverbrennungs-Messgerät geflossen ist, setzt er sich in seinen neuen TDI und flaniert ins „Le Gourmant“, um sich dort eine holländische Gewächshaus-Tomate als Roma-Pretiose andrehen zu lassen. Ob der Koch keine Angst hat, dass der Gast es merkt? Nein, unwahrscheinlich.

Und nächstes Jahr wird es in Le Mans noch etwas leerer und ruhiger sein. Audi wird mit einem TDI gewinnen, die geladene Presse artig applaudieren. Im Fernsehen keine Übertragung, nur eine kurze Meldung im Sportteil der Nachrichten. Sie können alles damit gewinnen, nur keine Sympathien und Emotionen.

Brooklands
2011 dann wird im Juni ein Schild an der Strecke hängen: „Die diesjährigen 24 Stunden von Le Mans finden nicht statt“. Die Natur wird sich mit den Jahren der Tribünen bemächtigen und ab und zu wird ein alter Mann wehmütig durch den Zaun blicken, während draussen irgendwo ein TDI vorbeinagelt.

Willkommen im Reich von Brooklands.

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